Prolog

Der plötzliche Lichtschein durchschnitt die Regenwand wie ein goldenes Messer. Sarah blinzelte, versuchte zu erkennen, was da durch die vom Regen verzerrte Windschutzscheibe auf sie zukam. Die verschwommenen Lichtpunkte formten sich zu Scheinwerfern – ein entgegenkommendes Fahrzeug, das viel zu schnell den schmalen, schlammigen Weg entlangraste.

Der elegante schwarze Wagen raste weiter, seine Umrisse schälten sich aus dem Regen.

Sarahs Herz setzte einen Schlag aus. Sie trat fester auf die Bremse, spürte aber sofort, wie der Anhänger hinter ihr seitlich ausbrach. „Nein, nein, nein!“ Sie riss das Lenkrad herum, versuchte gegenzulenken. Doch der Schlamm unter den Reifen bot kaum Halt, und der schwere Anhänger entwickelte ein gefährliches Eigenleben.

Sie warf sich mit ganzem Gewicht nach links. Ein letzter verzweifelter Versuch, den Zusammenstoß zu vermeiden.

Der erwartete Aufprall blieb aus – um Haaresbreite. Die Seitenspiegel streiften einander mit hässlichem Kratzen. Für den Bruchteil einer Sekunde erkannte Sarah den schemenhaften Umriss des fremden Fahrers.

Doch die Erleichterung währte nur einen Herzschlag. Die eigentliche Katastrophe entfaltete sich erst jetzt. Sarahs Ausweichmanöver ließ den Anhänger vollends ausbrechen. Er schlingerte wild und zog den Kleinwagen mit sich. Sie verlor die Kontrolle. Der Wagen wirbelte herum, warf sie gegen den Gurt, Schlamm spritzte gegen die Scheiben. Mit einem harten Ruck wurde er von der Straße gerissen und rutschte in den Graben.

Der Motor erstarb mit kläglichem Stottern. Sie hatte ihn abgewürgt. Stille. Nur das Trommeln des Regens auf dem Autodach. Und das Hämmern ihres eigenen Herzschlags in den Ohren.

Der schwarze Wagen war verschwunden. Ohne auch nur zu verlangsamen.

Sarah starrte auf die leere Straße, ihre Finger noch immer verkrampft ums Lenkrad. Allein. Gestrandet. Das Fahrzeug festgefahren im Schlamm. Ihre sorgfältig geschmiedeten Pläne mit einem Schlag zunichtegemacht. Und irgendwo in der Dunkelheit raste der schwarze Wagen davon, als wäre nichts geschehen.

Flügel und Wurzeln

Die Hoteltür fiel mit einem dumpfen Klicken hinter Sarah ins Schloss. Zwölfeinhalb Stunden Flugzeit steckten ihr in den Knochen, und die schwüle Hitze Singapurs hatte ihr den Rest gegeben. Mit müden Bewegungen stellte sie ihren Rollkoffer ab und ließ den Blick durch das Zimmer schweifen.

Beige Wände. Beigefarbene Vorhänge. Ein standardisiertes Bild über dem perfekt gemachten Bett. Zimmer 714 unterschied sich in nichts von Zimmer 542 in Dubai letzte Woche oder von Zimmer 238 in New York davor.

„Home sweet home“, murmelte Sarah und verzog den Mund zu einem ironischen Lächeln. Mit einem geübten Griff stellte sie die Klimaanlage von arktischer Kälte auf eine angenehmere Stufe.

Ungeduldig nestelte sie an den Knöpfen ihres Blazers, zog das blaue Tuch vom Hals und warf es aufs Bett. Die dunkelblaue Stewardessenuniform fühlte sich nach dem langen Tag nur noch einschränkend an. Bluse, Rock, Pumps – alles landete achtlos auf dem Boden.

Barfuß und nur in Unterwäsche ließ sie die Schultern kreisen. Ihr Rücken schmerzte, ihr Nacken war steif. Auf dem Weg ins Bad streifte sie die verbleibende Kleidung ab und drehte das Wasser auf heiß.

Der heiße Strahl prasselte auf ihre Haut. Sarah seufzte auf, schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Das Wasser löste die Knoten in ihren Schultern, spülte den Schweiß und die Last des Arbeitstages fort. Dampf stieg auf, dämpfte die Geräusche der Stadt. Für einige kostbare Minuten gab es nur das Rauschen des Wassers. Der Duft des Hotel-Shampoos stieg ihr in die Nase – steril, unpersönlich, wie alles hier.

Mit einem tiefen Atemzug drehte Sarah das Wasser ab und griff nach einem Handtuch. Ihr Blick wanderte zum beschlagenen Spiegel. Sie wischte mit der Hand einen Bereich frei.

Haselnussbraune Augen blickten zurück, in denen sich Erschöpfung und eine leise Neugier spiegelten. Ihre langen, welligen braunen Haare klebten noch dunkel an Hals und Schultern. Es waren dieselben Augen, dieselben Wangen wie immer – und doch schien die Frau, die zurückblickte, irgendwie fremd.

„Was mache ich eigentlich hier?“, murmelte sie ihrem Spiegelbild zu. „Was willst du eigentlich wirklich, Sarah?“

Achtundzwanzig Jahre alt, finanziell abgesichert, ein Job, um den sie viele beneideten. Und doch… Der anfängliche Reiz des ständigen Reisens war längst verblasst. Zurück blieben Nachtflüge, Jetlag und flüchtige Begegnungen. Sie dachte an die Passagierin heute Morgen – die ältere Dame, die ihr von ihren Enkeln erzählt hatte, ihre Augen voller Wärme. Aber wenige Stunden später war Sarah schon wieder weitergezogen, und die Frau nur noch eine Erinnerung unter tausenden. Sie sehnte sich nach mehr. Nach etwas Bleibendem. Einem Ort, an dem sie nicht nur landete, sondern ankam.

Mit einer entschlossenen Bewegung wandte sie sich vom Spiegel ab. Genug der Grübelei.

Die klimatisierte Luft des Zimmers ließ ihre feuchte Haut erschauern. Sie hob ihren Rollkoffer auf die Ablage und öffnete ihn. Keine Falte, kein Durcheinander – jedes Kleidungsstück hatte seinen festen Platz. Ein System, perfektioniert durch hunderte Flüge und unzählige Hotelaufenthalte.

Sie zog eine graue Jogginghose und ein weißes T-Shirt heraus. Das Handtuch glitt zu Boden, während sie in die lockere Kleidung schlüpfte. Die weichen Stoffe fühlten sich himmlisch an nach dem steifen Uniformstoff.

Als ihr Blick auf die am Boden liegende Uniform fiel, spürte Sarah einen Anflug schlechten Gewissens. Mit einem Seufzen sammelte sie Rock, Bluse und Halstuch auf und hängte alles sorgfältig in den Schrank. Kleine Rituale der Ordnung halfen ihr, in der Anonymität der Hotelzimmer ein Gefühl von Kontrolle zu bewahren.

Ihr Blick fiel auf den Koffer, und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Zwischen der perfekt gefalteten Kleidung lugte etwas hervor – die abgegriffene Ecke eines dicken, ledergebundenen Buchs. Mit einer fast zärtlichen Geste zog Sarah es heraus und ließ sich auf den Sessel sinken.

Das dunkelbraune Leder war an den Kanten abgewetzt, bunte Post-its schauten zwischen den Seiten hervor. Sarah strich über den vertrauten Einband und klappte das Notizbuch auf.

Zeitungsausschnitte, Fotos von Gebäck, handgezeichnete Skizzen von Tortenverzierungen. Ihre eigene Handschrift füllte jede freie Stelle. Während andere Flugbegleiterinnen Souvenirs sammelten, hatte Sarah in jedem Land nach lokalen Backrezepten gesucht. Zimtschnecken aus Schweden, Pastel de Nata aus Portugal, Baklava aus der Türkei.

Der Buchrücken knackte leicht, als sie eine ihrer liebsten Seiten aufschlug: Schwarzwälder Kirschtorte – das Rezept ihrer Großmutter. Ihre Fingerspitzen fuhren über die Zutatenliste, während sich ein warmes Gefühl in ihrer Brust ausbreitete. Eine Erinnerung: Sie, fünf Jahre alt, auf einem Hocker stehend. Ihre Großmutter, die ihre kleinen Hände führte, während sie Teig kneteten. Der Duft, wenn der Ofen aufging – Kirschen und Schokolade, so fehl am Platz in der sterilen Luft dieses Hotelzimmers.

Sarahs Finger verharrten bei den Notizen am Rand. „Astrid meint, mehr Kirschwasser“ stand dort in ihrer Handschrift. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Astrid – ihre Kollegin, Mitbewohnerin und vor allem beste Freundin seit fast fünf Jahren. Die einzige wirkliche Konstante in ihrem nomadischen Leben.

Die gemeinsame Wohnung in Frankfurt war der nächste Ort an ein Zuhause, den Sarah hatte, auch wenn beide selten gleichzeitig dort waren. Wenn sie es doch einmal schafften, verwandelte sich die Küche in ein Backparadies. Astrid, die selbst nicht backen konnte, aber ein unfehlbares Gespür für Geschmack besaß, war Sarahs strengste Kritikerin.

„Du brauchst mehr Säure in diesem Teig“, hörte sie Astrids pragmatische Stimme. „Und wage es nicht, an den Kirschen zu sparen!“

Astrid hatte sie oft ermutigt, Mut zu haben, Neues zu wagen. Diese Haltung trieb sie von einer Gelegenheit zur nächsten. Sie blühte im Leben einer Flugbegleiterin auf, empfand das Reisen als Bereicherung, fühlte sich überall zuhause. Sarah lauschte gern ihren lebhaften Geschichten von unerwarteten Begegnungen und chaotischen Arbeitstagen, die sich in humorvolle Anekdoten verkehrten – Geschichten, die ihr halfen, den Glanz ihres Berufs neu zu entdecken.

Astrid erkannte die Veränderung in Sarah früher als Sarah selbst. Sie verstand den inneren Konflikt – das Ringen zwischen Unabhängigkeit und der Suche nach einem Ort, der sich wirklich wie Zuhause anfühlte.

Sarah hörte Astrids Stimme in ihrem Kopf: ‚Du hast immer eine Wahl.‘ Draußen brach die Dunkelheit herein, die Lichter Singapurs funkelten durch den Vorhang. Trotz der Entfernung fühlte sie eine tiefe Verbundenheit mit Astrid – mehr als mit jedem anderen Menschen.

Das leise Brummen ihres Handys holte Sarah aus ihren Gedanken, ein sanftes Vibrieren auf dem Nachttisch. Das Display erhellte sich und offenbarte einen eingehenden FaceTime-Anruf. Astrids Name blinkte fröhlich auf dem Bildschirm. Als hätte Astrid gespürt, dass Sarah an sie dachte. Das Handy vibrierte über die glatte Oberfläche und rutschte gefährlich nahe an den Rand. Mit drei schnellen Schritten war Sarah am Tisch und griff nach dem Gerät.

Sie zögerte einen Moment, ihre Finger schwebten über der Annahmetaste – ihr Magen zog sich zusammen, obwohl sie nicht genau sagen konnte, warum. Da Astrid sich Sarahs unsteten Tagesablaufs natürlich bewusst war, achtete sie stets darauf, eine Nachricht zu senden, bevor sie anrief. Etwas musste passiert sein.

Das Handy in Sarahs Hand gab weiterhin ein sanftes Vibrieren von sich. Ein rascher Blick auf ihre Armbanduhr bestätigte ihre Annahme – es war Mittagszeit in Deutschland, eine untypische Zeit für Astrid, um anzurufen. Mit einem leichten Drücken des Bildschirms nahm sie den Anruf entgegen.

Zunächst erblickte sie nur ihr eigenes Spiegelbild im Display – müde Augen, die ihr entgegenstarrten und durch ein zaghaftes Lächeln etwas aufgehellt wurden. Dann verwandelte sich der Bildschirm und Astrids farbenfrohe Umgebung strömte in Sarahs nüchternes Hotelzimmer hinein.

Ein echtes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus – das erste des Tages.

Der Bildschirm teilte sich in zwei Welten. Auf der einen Seite lehnte Sarah entspannt an das Kopfende ihres Hotelbetts, eingehüllt in die fast nächtliche Dunkelheit. Auf der anderen Seite erschien zuerst ein unscharfer Farbklecks, der langsam zu Astrid wurde, ihr Gesicht warm beschienen vom goldenen Licht eines frühen Sommertages.

„Sarah! Kannst du mich hören?“ Astrids Stimme klang kristallklar durch den Lautsprecher ihres Handys. Ihre Begeisterung überbrückte mühelos die tausenden Kilometer, die sie trennten. Die schwarzen Locken umrahmten ihr Gesicht, als sich das Bild ihrer Kamera nach und nach von selbst schärfte.

“Ja, ich kann dich hören. Was ist los? Ich dachte, du wolltest abschalten?“ Sarah brachte ihr Gesicht näher an den Bildschirm, als könnte sie dadurch die Distanz verringern. „Und wo bist du überhaupt? Das sieht nicht nach unserer Wohnung aus.“

Astrid lachte. „Ich bin im Bayerischen Wald! Weißt du noch, mein Cousin Jonas? Er hat ein Ferienhaus hier, und ich dachte, ein paar Tage Auszeit täten mir gut.“

Die Kamera schwenkte kurz und Sarah erhaschte einen Blick auf eine sonnendurchflutete Waldlichtung, wo das satte Grün des Unterholzes sanft im frühsommerlichen Lufthauch schwankte. In der Ferne zeichneten sich die stolzen Konturen von Fichten und Tannen ab, ihre dunklen Silhouetten standen kontrastreich gegen den leuchtend blauen Himmel.

„Es ist so wunderschön hier, Sarah! Genau das, was ich gebraucht habe – Ruhe, frische Luft, und…“ Astrid unterbrach sich selbst, ihr Gesicht plötzlich von aufgeregter Spannung erfüllt. „Aber eigentlich rufe ich aus einem ganz anderen Grund an. Du wirst nicht glauben, was ich heute Morgen entdeckt habe!“

Sarah richtete sich auf, ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. „Was denn?“

„Eine alte Mühle! Sie steht zum Verkauf, Sarah!“ Astrids Worte sprudelten förmlich aus ihr heraus. „Beim Wandern bin ich heute früh durch ein Dorf gekommen. Waldenreuth, nicht mal hundert Einwohner – und bin auf dieses absolute Juwel gestoßen.“

Die Kamera wackelte, als Astrid sich umdrehte. Für einen kurzen Moment sah Sarah nur verschwommene Bäume, dann stabilisierte sich das Bild und zeigte ein altes Steingebäude mit einem großen Wasserrad. Efeu rankte an den verwitterten Mauern empor, zahlreiche Fenster waren mit hölzernen Läden versehen.

„Ist sie nicht atemberaubend?“ Astrids Stimme klang ehrfürchtig. Die Kamera schwenkte näher, zeigte verwitterten Stein, Moosflecken, die dem Gebäude eine zeitlose Patina verliehen. „Das Dach braucht Arbeit, aber die Grundsubstanz ist solide. Und sieh dir diesen Garten an!“

Die Kamera schwenkte nach rechts – ein verwilderter Garten mit alten Obstbäumen, dahinter ein kleiner Bach, der sanft plätschernd vorbeifloss.

„Ist sie nicht toll?“ Astrid drehte die Kamera wieder zu sich, ihre Augen funkelten.

Sarah blinzelte überrascht. Warum zeigte Astrid ihr diese alte Mühle mit solcher Begeisterung? Ihre Freundin, die rastlose Weltenbummlerin, die von Metropole zu Metropole eilte und sich in modernen Hochhausapartments am wohlsten fühlte. Dieselbe Astrid, die beim letzten gemeinsamen Urlaub nach zwei Tagen im Landhotel Langeweile verspürt hatte, schwärmte nun von einem verfallenen Gebäude mitten im Nirgendwo?

„Die ist wirklich… charmant“, sagte Sarah zögernd. „Aber seit wann interessierst du dich für historische Gebäude im Wald? Ich dachte, dein Traumhaus wäre ein Penthouse in Manhattan.“

Astrid lachte hell. „Doch nicht für mich. Für dich!“

„Für mich?“ Sarah starrte auf den Bildschirm. „Was meinst du damit?“

„Sarah, hör zu.“ Astrids Gesicht kam näher. „Seit Jahren sprichst du davon, irgendwann ein eigenes Café zu eröffnen. Dein Rezeptbuch quillt über, du verbringst jede freie Minute in der Küche, und wenn du von deinen Backkreationen erzählst, strahlt dein ganzes Gesicht. Diese Mühle wäre perfekt dafür!“

Sarah blieb die Luft weg. Ihr Blick wanderte zu dem ledergebundenen Notizbuch auf ihrem Schoß.

„Träum mit mir!“ Astrids Stimme vibrierte vor Enthusiasmus. „Sie müsste modernisiert werden, aber der Raum ist da.“

Sarah starrte auf den Bildschirm. Die Mühle. Ein Café. Es klang… unmöglich. „Astrid, das ist verrückt. Ich kann nicht einfach mein ganzes Leben über den Haufen werfen wegen eines… einer fixen Idee!“

„Es ist keine Idee. Es ist eine Chance.“

Sarah schüttelte den Kopf. „Ich hab keine Ahnung von Renovierungen. Von Geschäftsführung. Von… von irgendwas davon!“

„Aber du weißt, wie man backt.“ Astrids Stimme wurde sanfter. „Und du weißt, wie es sich anfühlt, nirgendwo wirklich zuhause zu sein. Die Frage ist: Willst du das ändern?“

Sarah schwieg. Ihr Blick fiel auf das Rezeptbuch in ihrem Schoß. Die abgegriffenen Seiten. Die Jahre voller Träume.

„Erzähl mir alles“, hörte sie sich sagen. Ihre Hände griffen wie von alleine nach dem Hotelblock auf dem Nachttisch.

Astrid lachte. „Ich wusste es!”

Irritiert hielt Sarah inne: “Häh? Was meinst du?“

Astrid grinste. „Du hast diese Stimme.“

„Was für eine Stimme?“

„Die ‚Ich-tue-so-als-wäre-ich-skeptisch-aber-eigentlich-bin-ich-schon-dabei‘-Stimme.“

Sarah musste lachen. „Hab ich nicht.“

„Hast du doch. Kenne ich seit fünf Jahren. Also – die Mühle liegt an einem Bach, der durch den Wald fließt. Das Gebäude ist aus Stein, vielleicht hundertfünfzig oder zweihundert Jahre alt. Das Wasserrad funktioniert tatsächlich noch.“

Sarah kritzelte hastig Notizen. Ihre unordentliche Handschrift verriet ihre Aufregung. „Wie groß ist sie? Ist sie bewohnbar?“

„Zwei Stockwerke. Unten ein großer, offener Raum mit Steinboden und freiliegenden Balken – perfekt für ein Café. Ein hölzerner Anbau mit einer alten Küche, die modernisiert werden müsste. Im ersten Stock vier Räume, ideal als Pensionszimmer. Direkt unter dem Dach zwei kleinere Zimmer – eine gemütliche kleine Wohnung für dich.“ Astrid hielt kurz inne. „Der Besitzer hat mir erzählt, dass die Mühle bis vor fünfundzwanzig Jahren in Betrieb war. Dann wurde sie ein Restaurant, aber der Pächter ging in Rente. Jetzt steht sie seit zwei Jahren leer.“

Sarahs Gedanken überschlugen sich. Die Mühle. Ein Café. Ihr eigenes Zuhause. Endlich. Vor ihrem inneren Auge verwandelte sich das alte Steingebäude in einen lebendigen Treffpunkt. Polierte Holztische im warmen Sonnenlicht. Der Duft von frisch gebackenem Brot und dampfendem Kaffee. Lachende Menschen bei Kaffee und Gebäck. Sie sah sich selbst mittendrin – als Gastgeberin ihres eigenen Cafés.

Doch langsam drängten sich auch pragmatische Fragen nach vorn. Sie richtete sich auf, legte den Block beiseite und atmete tief durch.

„Wie viel will er dafür haben?“

Astrid nannte einen Preis. Sarah blinzelte überrascht. „So wenig? In Frankfurt würde man dafür nicht einmal eine Einzimmerwohnung bekommen.“

„Willkommen in der bayerischen Provinz!“, lachte Astrid. „Der Besitzer will nicht den höchsten Preis, sondern jemanden, der die Mühle liebt und ihr neues Leben einhaucht.“

Sarah ließ sich zurück aufs Bett sinken, der Notizblock auf ihrem Schoß. Es klang zu gut, um wahr zu sein. „Aber Astrid, ich bin Flugbegleiterin, kein Geschäftsmensch. Ich habe keine Ahnung, wie man ein Café führt.“

„Aber du weißt, wie man backt“, erwiderte Astrid sanft. „Du gibst Menschen das Gefühl, willkommen zu sein. Und du schaffst Momente, an die man sich erinnert.“ Sie lehnte sich näher an den Bildschirm. „Sarah, seit ich dich kenne, sprichst du davon, irgendwo anzukommen. Einen Ort zu finden, an dem du sein kannst, nicht nur durchreisen. Ist das nicht genau das, was du gesucht hast?“

Sarah schwieg. Ihr Herz raste. Ja, sie wollte es. Und hatte gleichzeitig panische Angst. „Es wäre eine komplette Lebensveränderung.“

„Die besten Dinge beginnen oft mit einer mutigen Entscheidung“, sagte Astrid ruhig, aber fest. „Denk daran, wie du dich gefühlt hast, als du dich bei der Fluggesellschaft beworben hast. Das war auch ein Sprung ins Ungewisse.“

Sarah erinnerte sich. Die Mischung aus Nervosität und Vorfreude, das Kribbeln im Bauch, das Gefühl, am Rande eines Abenteuers zu stehen. „Damals war ich zwanzig und hatte nichts zu verlieren.“

„Und jetzt bist du achtundzwanzig und hast die Chance, etwas zu gewinnen, von dem du immer geträumt hast.“ Astrid hielt inne, ihr Blick wurde ernst. „Ich will dich nicht drängen. Es ist deine Entscheidung. Aber ich kenne dich, und ich habe gesehen, wie deine Augen leuchten, wenn du von deinem eigenen Café sprichst. Als ich diese Mühle sah, musste ich sofort an dich denken.“

Sarah lächelte unwillkürlich. Astrid kannte sie besser als jeder andere. „Schick mir Bilder!“

„Natürlich! Ich habe schon ein paar gemacht, und heute Nachmittag treffe ich mich noch mal mit dem Besitzer. Er zeigt mir alles. Dann schicke ich dir mehr.“

„Wie ist er so?“

„Herr Meier – ein typischer bayerischer Dorfbewohner. Ein bisschen grummelig auf den ersten Blick, aber ein Herz aus Gold. Seine Familie hat die Mühle seit Generationen betrieben, aber seine Kinder leben in München und wollen sie nicht übernehmen.“

Sarah machte sich weitere Notizen. „Und das Dorf? Gibt es genug Kunden für ein Café?“

„Nicht sehr groß, vielleicht hundert Einwohner. Aber es liegt an einem beliebten Wanderweg, und in der Nähe sind Pensionen und ein Campingplatz. Im Sommer kommen viele Touristen zum Wandern.“ Astrid tippte auf ihrem Bildschirm. „Ich schicke dir gerade die Bilder von vorhin.“

Sarahs Handy piepte. Sie öffnete die Fotos, und ihr Atem stockte. Ein charmantes Steingebäude mit großem Wasserrad, eingebettet in die idyllische Landschaft des Bayerischen Waldes. Auf einem Bild der Bach, der friedlich vorbeifloss, umgeben von üppigem Grün. Ein anderes zeigte die Vorderseite mit kleinen Fenstern und einer rustikalen Holztür.

„Es ist wunderschön!“, flüsterte Sarah und wischte durch die Bilder. „Das Gebäude hat wirklich Potenzial.“

„Ich wusste, dass du es lieben würdest“, sagte Astrid zufrieden. „Der Besitzer meinte, ein paar Interessenten waren schon da, aber die wollten immer ein Ferienhaus draus machen. Herr Meier wünscht sich, dass die Mühle wieder voller Leben ist – kein Renditeobjekt. Wenn du ernsthaft Interesse hast, solltest du dir die Gelegenheit nicht entgehen lassen.“

Sarahs Herz klopfte schneller. Die Vorstellung, dass jemand anderes die Mühle bekommen könnte – dass dieser Traum sich in Luft auflösen könnte, bevor er wirklich begonnen hatte – bereitete ihr einen Stich des Bedauerns. „Aber ich bin in Singapur“, sagte sie, und Verzweiflung schwang in ihrer Stimme mit. „So weit entfernt. Ich kann doch nicht einfach weg…“

Astrid brachte Sarahs hektischen Gedanken zum Verstummen. „Wann kommst du zurück nach Deutschland?“ unterbrach sie.

Sarah überflog mental ihren Flugplan. „Ich habe morgen noch einen Tag Layover…“, sagte sie hastig, während sie im Kopf die verbleibende Zeit bis zu ihrer Rückkehr hochrechnete. Der Langstreckenflug zurück nach Frankfurt war schon Herausforderung genug, aber die Idee, danach direkt weiterzureisen, gab ihr neuen Elan. „Jedenfalls, wenn der Rückflug planmäßig ist.“

Sie ärgerte sich über die Distanz, die sie gerade von allem trennte. Die drei Tage erschienen ihr plötzlich wie eine Ewigkeit. “Meinst du, das ist noch rechtzeitig?“

„Natürlich! Ich rede nachher noch mal mit ihm. Leg ein gutes Wort für dich ein. Ich bleibe noch eine Woche hier, also könntest du direkt aus Frankfurt herkommen. Dann könnten wir uns die Mühle gemeinsam ansehen.“

Sarah biss sich auf die Unterlippe, eine Geste, die sie immer machte, wenn sie intensiv nachdachte. Sie malte sich aus, wie sie sofort nach der Landung nach Waldenreuth fahren würde, ohne Zwischenstopp, mit ihrem Gepäck direkt vom Flugzeug ins Abenteuer. Die Möglichkeit, diese Mühle zu sehen und ihre Zukunft in die Hand zu nehmen, erschien verlockend und beängstigend zugleich.

Die Vorstellung, ein eigenes Café zu eröffnen, war nicht neu für sie. Es war ein Traum, den sie seit Jahren in sich trug, ein leises Flüstern im Hinterkopf, das in den letzten Monaten lauter geworden war. Aber jetzt stand plötzlich etwas Konkretes vor ihr – keine vage Idee für die Zukunft, sondern eine reale Möglichkeit.

„Was ist mit meinem Job?“ fragte sie, mehr zu sich selbst als zu Astrid. „Ich müsste kündigen, alles aufgeben, was ich mir aufgebaut habe.“

„Und was genau hast du dir aufgebaut, Sarah?“ fragte Astrid sanft. „Eine Sammlung von Hotelzimmern? Freundschaften, die durch Zeitzonen und Flugpläne begrenzt sind? Du sagst selbst immer, dass du mehr willst, einen Ort, an dem du ankommen kannst.“

Sarah öffnete den Mund, um zu widersprechen – und klappte ihn wieder zu. Astrid hatte recht. Die Fliegerei, die einst ihr Traum war, fühlte sich zunehmend wie ein goldener Käfig an – glänzend und beneidenswert von außen, aber dennoch eine Begrenzung.

„Du hast recht“, sagte sie schließlich. „Ich sollte es mir zumindest ansehen.“

Astrids Gesicht erstrahlte in einem breiten Lächeln. „Das ist meine Sarah! Mutig wie immer, wenn es darauf ankommt.“

Sie besprachen die Details – wann Sarah ankommen würde, wie sie zum Bayerischen Wald käme, was sie für die Besichtigung vorbereiten sollte. Astrid versprach, in der Zwischenzeit mehr über die Mühle zu erfahren und mit Herrn Meier zu sprechen, um einen Termin zu vereinbaren.

Als sie das Gespräch beendeten, saß Sarah noch lange mit dem Handy in der Hand da. Die Bilder der Mühle leuchteten auf ihrem Bildschirm, ein Versprechen, eine Möglichkeit. Ihr Herz schlug schneller. Ihre Finger trommelten aufs Bett. Wann war sie das letzte Mal so wach gewesen?

Schließlich legte sie das Telefon beiseite und ließ sich auf das Hotelbett sinken. Während draußen Singapurs Lichter funkelten, träumte Sarah zum ersten Mal seit Jahren nicht von fernen Städten – sondern von einer alten Mühle im bayerischen Wald.